Rückblickend muss ich sagen, dass ich am liebsten den Messebesuch samt Flugtickets und reserviertem Hotel abgesagt hätte. Ich habe es irgendwann meiner Tochter versprochen, das mit ihr zu machen, weil sie so gerne liest und ich zwei Mal in Frankfurt war, als sie noch zu klein zum Mitkommen war. Also hatte ich ein Versprechen einzulösen.
Da zumindest die englische Version meines Roman-Manuskripts fertig ist, war es mir auch wichtig, mir einen Überblick zu verschaffen, welche Verlage mir sympathisch wären und wer von den Verlagen ein eigenes Lektorat hat bzw. ausschließlich mit Agenturen zusammen arbeitet.
Die lange und mühsame Ausbildung, die ich zurzeit mache und zu der mir noch die letzte Etappe fehlt, geht an die Substanz. Seit Jänner 2010 habe ich gelernt, gelernt und wieder gelernt. Mein Hirn kriegt nur Steuern ab und Gesetze und Kostenrechnung und Wirtschaftsvokabeln in zwei Sprachen. Zu Weihnachten habe ich zumindest zwei Bücher gelesen; das waren aber Biographien bzw. Dokumentationen bzw. Fachliteratur.
Die Buchmesse hat die Lust am Lesen wieder geweckt. Andreas Begeisterung hat mich mitgezogen. Sie ist total aufgeregt von Stand zu Stand getaumelt und hat Unmengen von Wunsch-Büchern aufgeschrieben. Von den verschiedenen Verlagen hat sie sieben oder acht Bücher geschenkt bekommen. Bis auf eines (das habe ich während der letzten beiden Tage gelesen!) alles Bücher, die sie sich kaufen wollte.
Ehrengast Island war im Forum zu finden.
Vor Jahren hatte ich die Messe besucht, als die “Arabische Welt” Gast war. Das habe ich sehr positiv in Erinnerung. Es gab eine Multimedia Show mit einer Zeittafel, wann welche bedeutenden historischen Ereignisse stattgefunden haben, alles auf die arabische Welt fokussiert. Das war sehr interessant und fesselnd. Daneben konnte man virtuell mittels Computer Touch Screen die Bibliothek von Alexandria besuchen bzw. waren unzählige Exponate der Bibliothek vor Ort. Papyrus-Rollen! Aus einer Rolle, aus einer Inschrift habe ich das Schlusszitat meines Buches “geklaut”.
Dagegen fand ich die Präsentation von Island enttäuschend. Am Samstag lief irgendein Animationsfilm im Forum, sowas wie “Shrek”. Sonntag war ein Autoreninterview.
Was mir dagegen sehr gefallen hat, war ein überdimensionales Labyrinth aus “Installationen”. Es wurden Personen beim Lesen gefilmt. Offensichtlich wurden diese Leute gebeten, sich möglichst wenig zu bewegen. So ging man durch diese riesigen Bildwände mit “Fotos” von Menschen, die da saßen und lasen. Auf einmal wackelte einer mit dem Zeh oder blätterte um, oder einer der Lesenden trank von seiner Tasse Kaffee oder blickte einen direkt an. Das fand ich sehr gelungen.
Es gab ansonsten nur einige Tische – so eine Art Kaffeehaus-Atmosphäre – und diverse Bücherregale mit Isländischen Büchern. Schöne Bilder und schöne Atmosphäre aber – aufgrund des Besucheransturms – nichts, was man als lehrreich oder informativ bezeichnen könnte. Es lief auf zwei solcher überdimensionaler Wände ein Film mit einer Luftaufnahme der Isländischen Landschaft. Sehr schön, klar, aber nicht fesselnd, weil man einfach nur von tausenden Menschen weitergeschoben wurde. Visuell gut, aber nichts, was einen wirklich informiert oder langfristig bewegt.
Im Innenhof gibt es ein Gebäude, da hatte Audi einige Werbemaßnahmen laufen. Wir wollten erst gar nicht reingehen, doch dann sind wir irgendwie doch dort gelandet. Wir sahen weiße Girlanden von der Decke hängen und dachten, das sei irgendeine Art Vorhang. Es stellte sich heraus, dass es sich um ein interaktives Kunstwerk handelte: Es wurden Treads in Twitter gesetzt,
zum Beispiel das Wort “Slow”. Und die Teilnehmer wurden aufgefordert, zu diesem Wort ihre Gedanken zu schreiben. Alle diese Twitters kamen dann in einer endlosen Papierwurst von der Decke und man konnte hingehen und das verfolgen. Auf jeder Papierschlange war ein anderes Thema. Zum Teil kamen da ganz unsinnige, komische Kommentare, zum Teil aber auch Tiefsinniges. Schöne Sache.
Ein Projekt, gleich neben diesem Papierschlange-Kunstwerk, fand ich ebenfalls sehr spannend. Von Mittwoch bis Sonntag war jeden Tag während einer Stunde ein Autor zu Gast, der mit dem Publikum einen von fünf Teilen einer Kurzgeschichte erschaffen sollte. Wir waren am Freitag dort, da gab es schon zwei Teile. Sehr kurz, sehr prägnant. Es ging um einen jungen Mann, der völlig orientierungslos in einem Zugabteil steht und stammelt, er sei ganz alleine. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern reagiert irritiert auf diesen Kommentar. Bevor man weiß, weshalb sie so eigenartig reagiert, wird es dunkel, der Zug rast in einen Tunnel. Als der Zug den Tunnel wieder verlässt, ist der Mann verschwunden, ebenso eines der Kinder. Teil 2, am Donnerstag von einem anderen Autor mit anderen Besuchern verfasst, ging so: Die Frau aus Szene 1 zieht mit einem Ruck die Vorhänge vom Kinderzimmer zur Seite. Sie sagt den Kindern, dass sie sich rasch anziehen müssen. Sie holt die schlaftrunkenen Kleinen aus dem Bett und erklärt ihnen, nein, man könne nicht auf Papa warten. Man erfährt, dass sie zum Bahnhof fahren.
Tja, eigentlich wollten wir dann mitmachen bei Teil 3, aber es verging eine sagenhafte halbe Stunde, bis der am Freitag mitwirkende Autor fertig war zu erklären, wie ER an Geschichten rangehen würde. Dann wurde langatmig vorgelesen, was die anwesenden Besucher ohnehin innerhalb von fünf Minuten selbst schon gelesen hatten, dann wurde von Deutsch auf Englisch übersetzt und wieder retour, obwohl die Texte in beiden Sprachen zur Verfügung standen, und nach sage und schreibe 45 Minuten haben meine Tochter und ich schließlich aufgegeben und sind etwas hirntot von dannen gezogen. Tolle Idee, aber ein bisschen lähmend umgesetzt. Leider haben wir nicht mehr mitgekriegt, wie die Geschichte weiter gegangen ist, aber die ersten beiden Tage dürfte es da wirklich zur Sache gegangen sein. Es waren kompakte und effiziente Kurzfassungen, kaum 1 1/2 Seiten zweizeilig, und überaus spannend. Schräg.
Menschenmassen waren unterwegs! Samstag und Sonntag wurde man in Halle 3 praktisch nur noch geschoben. Wir sind am Samstag bei den Kunstbüchern in Halle 4.1 herumgekrebst und am Sonntag waren wir in Halle 8 bei den Internationalen, englischsprachigen Verlagen. Da haben allerdings die meisten schon ihre Kisten gepackt. Bei Harper & Collins hatte ich ein sehr fruchtbares und interessantes Gespräch. Penguin war auch wieder super entgegenkommend und informativ.
Alles in allem hat mir der Ausflug in die Welt der Bücher sehr gut getan. Andrea hat es großen Spaß gemacht.
Ich bin hundemüde aber überaus motiviert heimgekommen.
Eva Windegger


