wie lukas charles darwin aus der klemme half
(c) Michael Zeidler
„Lukas, ich glaube, der gehört dir!“, rief Frau Habicht in die Klasse und wedelte mit einem Schülerausweis.
Lukas trat ans Lehrerpult.
„Du musst lernen, besser auf deine Sachen aufzupassen!“, sagte sie und schaute mit ihrem Stechblick anklagend auf Lukas herab, dann mit einem Lächeln auf den Ausweis. „Hier, und nun ab auf deinen Platz!“
„Ja, Frau Habicht“, antwortete Lukas mit leiser Stimme. Er ging zurück zu seinem Tisch und errötete, als er die Augen der ganzen Klasse auf sich ruhen spürte.
„Heb gefälligst deine Füße, Lukas!“, mahnte die Lehrerin.
„Ja, Frau Habicht.“
Er setzte sich.
Während Frau Habicht den Unterricht eröffnete, betrachtete er seinen Schülerausweis. Irgendjemand hatte mit Bleistift „Hau den“ vor seinen Vornamen geschrieben und aus der Drei seines Geburtsjahres eine Acht gemacht, so dass er nun 1998 geboren war. Auch das Foto war nicht verschont geblieben. Auf das weißblonde Haar war eine Eselsmütze gekritzelt, der linke obere Schneidezahn war schwarz ausgemalt, und die Wange zierte eine Bleistiftnarbe. Außerdem trug er eine dicke Hornbrille, und ein Pinsel war neben seinen Kopf gezeichnet. „Lukas, der Färber“, stand daneben.
Mit einem Schulterzucken steckte er den Ausweis in seinen Ranzen. Er machte sich nicht die Mühe aufzuschauen. Lukas wusste, dass die Jungs von der hinteren Bank heimlich über ihn lachten und nur auf einen wütenden Blick von ihm warteten. Betont gelangweilt schaute er aus dem Fenster und gähnte verhalten.
Noch eine Stunde bis zum Wochenende.
Der Wetterhahn auf dem Kirchturm stand gerade so, dass er die Sonnenstrahlen direkt in Lukas Augen warf. Lukas blinzelte ihm zu. Die Habicht ist todlangweilig. Kannst du die Turmuhr nicht ein bisschen anschubsen? dachte er. Als der Wind den Hahn umschwenkte, schien es ihm, als schüttle dieser bedauernd den Kopf.
„Das Biologiebuch, Lukas!“, zerschnitt Frau Habichts Stimme die Luft.
„Ja, Frau Habicht“, antwortete er automatisch und wühlte in seinem Ranzen nach dem Schulbuch. Er schaute auf den Nachbartisch, um die richtige Stelle herauszufinden und schlug es auf.
„Vererbungslehre“, prangte in dicken Buchstaben auf der Seite und darunter stand ein Inhaltsverzeichnis des Kapitels. Lukas blätterte um. Eine farblose Büste schaute ihn mit kleinen, traurigen Augen aus dem Buch heraus an. Darunter stand in schnörkeligen Buchstaben: „Lamarck“.
Stolz und Bitterkeit lagen in Lamarcks Zügen, die Nase war stark, die Stirn mächtig und kahl, der Schädel nur von wenigen Haaren umkränzt.
Lukas holte Buntstifte hervor und begann, den Kopf auszumalen, während Frau Habicht mit ihrem Vortrag anfing. Das würde ihn vom Einschlafen abhalten, hoffte er.
Die Ente streckt die Füße
Schnarrend begann Frau Habicht ihre Stunde: „Jean-Baptiste-Pierre-Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck lebte von 1744 bis 1829 und arbeitete im Königlichen Garten von Paris, der später in das Museum der Naturgeschichte …“
Ihre Stimme wurde leiser und leiser, bis sie schließlich ganz verhallte, und während Lukas die Nasenlöcher und Brauen Lamarcks schwärzte, schien es, als lächele der Wissenschaftler ihn an. Lukas kniff die Augen zusammen und presste die Handballen auf die Lider. Plötzlich hörte er Vögel singen, es duftete nach frischen Blumen, und Wind fuhr ihm durch die Struwwelhaare.
„Vorsicht, junger Herr“, mahnte eine leicht näselnde Stimme neben ihm, und als Lukas die Augen öffnete, schritt er auf einer von niedrigen Hecken gesäumten Allee durch einen barocken Garten. Links und rechts blühten in streng abgegrenzten Feldern farbenprächtige Blumen, und zwischen den Beeten führten breite Kieswege rechtwinklig zu runden Plätzen mit Springbrunnen und Marmorfiguren.
Lukas sprang zur Seite. Beinahe wäre er in Pferdemist getreten. „Danke!“
„Keine Ursache“, sagte sein Begleiter und nickte ihm freundlich zu.
Lukas sah sich ungläubig um. Der Mann neben ihm sah genauso aus wie der aus dem Biologiebuch, nur etwas dünner und kränker und außerdem in Farbe und in Fleisch und Blut. Er trug einen blauen Rock mit hochgestelltem Kragen und stützte sich auf einen schwarzen Stock mit Silberknauf. Mit diesem zeigte er geradeaus auf ein marmorweißes Gebäude mit großer Freitreppe und zwei runden Ziertürmen.
