leseprobe

Es war einmal eine kleine Seejungfrau
(c) Marianne Glaßer

Es war einmal eine kleine Seejungfrau, die lebte glücklich und zufrieden bei dem alten Wassermann im Meer. Den ganzen Tag schwamm sie durch den großen Garten auf dem Meeresgrund und betrachtete die verschiedenen Bäume und Pflanzen, die dort auf ihren langen Stängeln wogten. Langeweile kannte sie nicht, denn sie entdeckte täglich etwas Neues: ein gewundenes Schneckenhaus, das halb im Sand vergraben lag, einen kleinen schwarzen Tintenfisch, der hinter einem Stein hervorsah, oder die Trümmer einer Mauer, die früher von den Menschen erbaut worden war und nun ganz von Wasserpflanzen überwuchert wurde. Wenn sie einmal Spielkameraden brauchte, schwamm sie ein Stück in die Höhe, wo das Wasser heller und wärmer wurde, und traf dort bald auf einen Schwarm gestreifter oder goldgelber Fische, die mit ihr zwischen den Felsen und Pflanzen Fangen und Verstecken spielten. So gingen die Tage vergnüglich vorbei, und die kleine Seejungfrau hätte sich nie ein anderes Leben gewünscht.
Eines Tages war sie einem Schwarm kleiner Fische bis dorthin gefolgt, wo das Wasser schon nicht mehr blau war, sondern ganz durchsichtig wurde. Plötzlich waren die Spielgefährten hinter einem Felsen verschwunden, und die kleine Seejungfrau blickte suchend um sich. Sie dehnte sich und streckte sich und tauchte auf einmal mit dem Kopf aus dem Wasser auf. Geblendet schloss die kleine Seejungfrau ihre Augen. Der feurige Ball am Himmel war wohl das, was der alte Wassermann Sonne nannte. Vorsichtig blinzelte sie zwischen ihren Fingern hindurch und sah eine ganz andere Welt. Wo das Wasser in kleinen Wellen auslief, dehnte sich ein breiter Streifen aus Sand, der viel heller war als drunten, wo sie wohnte. Darauf lagen einige kleine und ein größerer Felsen. Ein Stück entfernt folgte eine Reihe von Hügeln, die mit dünnen Gräsern bewachsen waren, und dahinter waren die Spitzen roter Dächer zu sehen. Dort wohnten sicher die Menschen, von denen der alte Wassermann sagte, dass sie arme Gestalten seien und nicht im Meer leben könnten. Die kleine Seejungfrau hätte gern einmal diesen hellen Sand zwischen ihren Fingern gespürt und wäre auf die grünen Hügel geklettert, aber mit ihrem Fischschwanz konnte sie sich auf dem Trockenen nicht bewegen. So reckte sie ihren Kopf so weit aus dem Wasser, wie sie konnte, um alles genau zu sehen.
Wie sie so an den Strand spähte, sah sie noch etwas anderes. Auf dem größeren Felsen lag in der Sonne ein Tier, das sie noch nie gesehen hatte. Es war zusammengerollt wie eine Schnecke, hatte aber zwei spitze Ohren, die manchmal leicht zuckten. Am Körper war es grau, schwarz und weiß gestreift und ähnelte den kleinen Zebrafischen, hatte aber überall feinste Härchen, die zitterten, wenn der Wind darüber fuhr. Es schien noch weicher zu sein als das Moos ganz tief auf dem Meeresboden. Am liebsten wäre die kleine Seejungfrau aus dem Wasser gestiegen und hätte einmal, nur einmal mit der Hand über dieses Tier gestrichen. Noch nie hatte sie sich etwas so sehr gewünscht, aber mit ihrem Fischschwanz blieb sie im Wasser gefangen. So schwamm sie nur in der Nähe des Ufers herum und streckte ihren Kopf immer wieder aus dem Wasser, bis das Tier gegen Abend zwei große grüne Augen aufschlug, gemächlich aufstand, sich streckte und langsam in Richtung der Häuser davonging.
Gedankenvoll kehrte die kleine Seejungfrau in die Tiefe des Meeres zurück. Der alte Wassermann, der im Garten stand und die wogenden Pflanzen beschnitt, sah sie fragend an. „Du siehst heute gar nicht so fröhlich aus wie sonst“, bemerkte er. „Ich habe an Land ein Tier gesehen“, sagte die kleine Seejungfrau sehnsüchtig und erzählte von ihrem Erlebnis. „Das war eine Katze“, meinte der alte Wassermann. „Tatsächlich eines der schönsten Tiere, die es an Land bei den Menschen gibt. Aber du musst versuchen, sie zu vergessen“, fügte er warnend hinzu. „Sonst wirst du hier unten im Wasser nie mehr froh.“
Am nächsten Morgen hatte die kleine Seejungfrau gar keine Lust, im Garten zwischen den Pflanzen herumzuschwimmen oder mit irgendwelchen Fischen zu spielen. Sie musste immerzu an die Katze denken; je mehr sie sich bemühte, sie zu vergessen, desto stärker. Eine Weile trieb sie sich lustlos herum, dann machte sie sich auf den Weg zu der Stelle, von wo sie am Vortag den Felsen gesehen hatte. Gespannt streckte sie ihren Kopf aus dem Wasser und schoss freudig ein ganzes Stück höher. Die Katze war wieder da. Diesmal saß sie auf ihren Hinterpfoten und leckte sich sorgfältig mit der Zunge die weißen Vorderpfoten und den gestreiften Schwanz mit der schwarzen Spitze ab. Manchmal fuhr sie sich mit den Pfoten hinter die spitzen Ohren und über die rosa Nase. Noch nie hatte die kleine Seejungfrau etwas so Niedliches gesehen; sie wäre am liebsten schnurstracks aus dem Wasser gesprungen und zu der Katze hingelaufen, um sie in die Arme zu nehmen und an sich zu drücken. Aber sie hatte ja keine Beine. So musste sie sich damit begnügen, einen langen Hals zu machen und zwischen den Wellen hervorzuspähen, bis die Katze aufstand, mit ihren großen grünen Augen noch einmal über das Wasser blickte und sich dann auf den Weg zu den Häusern machte.
„Kann ich wirklich niemals ans Land kommen?“, fragte die kleine Seejungfrau verzweifelt den Wassermann, als sie am Abend mit ihm im Garten saß und Seegras flocht. Der Wassermann kratzte sich nachdenklich seinen grünen Bart. „An Mittsommer, wenn die Sonne am höchsten steht“, sagte er nach einer Weile, „kann ich dir für einen Tag Beine geben. Aber du musst bei Sonnenuntergang wieder ins Wasser zurück, sonst wirst du ein Mensch.“ „Das macht nichts“, jubelte die kleine Seejungfrau auf und dachte bei sich: Wenn ich nur einmal diese wunderbare Katze im Arm gehabt habe, werde ich hier unten für immer zufrieden sein.
Nun wartete die kleine Seejungfrau gespannt auf den Tag, an dem die Sonne am höchsten stehen und sie an Land gehen würde. Jeden Morgen schwamm sie zum Ufer und war neugierig, ob die Katze da sein würde. Manchmal war der Felsen leer, und sie trieb sich den ganzen Tag traurig und wartend im seichten Uferwasser herum. Aber meistens saß die Katze auf ihrem Platz; dann streckte sie den Kopf aus den Wellen, so oft und so hoch sie konnte, und fiel von einem Entzücken ins andere, wenn die Katze einen Luftsprung nach einer Libelle machte oder sich zusammenrollte und ihre Nasenspitze hinter den beiden weißen Vorderpfoten verbarg.
Und dann war der Tag gekommen. In der Nacht hatte die kleine Seejungfrau vor Aufregung kaum geschlafen und war froh, als der Wassermann frühmorgens an ihr Lager trat. „Bist du dir sicher, dass du an Land willst?“, fragte er ernst. „Ja“, antwortete sie entschlossen. Dann machten sie sich auf den Weg. Stumm schwamm der Wassermann neben ihr her bis zu der Stelle, wo das Wasser fast durchsichtig wurde. Dicht am Ufer hielten sie an. Der Wassermann wandte sich zu der kleinen Seejungfrau und sah ihr fest in die Augen. „Wenn die Sonne ins Meer sinkt, musst du wieder ins Wasser kommen“, sagte er ernst. „Sonst wirst du ein Mensch und kannst nie mehr zurück.“ „Aber was …?“, wollte die kleine Seejungfrau neugierig wissen. „Die Menschen sind arme Gestalten“, sagte der Wassermann mit noch ernsterer Miene. „Sie können unter Wasser nicht leben. Ihre Kinder können auch nicht den ganzen Tag schwimmen und spielen, sondern müssen vormittags in die Schule gehen und nachmittags Hausaufgaben machen. Sie haben Lehrer, die manchmal mit ihnen schimpfen, und Eltern, die sie zwingen, samstags ihr Zimmer aufzuräumen. Denk also daran“, wiederholte er mahnend, „wenn die Sonne ins Meer sinkt, musst du zurück ins Wasser. Sonst wirst du ein Mensch und kannst dich an dein früheres Leben nicht einmal mehr erinnern.“
„Ich werde schon daran denken“, versicherte die kleine Seejungfrau ungeduldig. Sie hatte nur mit halbem Ohr zugehört, so gespannt war sie auf den Tag an Land. Und dann war es endlich so weit: Der Wassermann blickte zur Wasseroberfläche hinauf, die eben im Schein der ersten Sonnenstrahlen golden zu schimmern begann. Gleichzeitig glitt er mit seinen Händen einmal kurz über den Fischschwanz der kleinen Seejungfrau. Ein Ruck ging durch ihren Körper, dann stand sie mit zwei Füßen auf dem Sandboden. Sie hob den Kopf aus dem Wasser und versuchte vorsichtig einen Schritt. Die Beine trugen. Dann machte sie einen weiteren. Das Gehen war fast so leicht wie das Schwimmen. Schließlich vergaß sie die Angst, winkte dem Wassermann noch einmal flüchtig zu und rannte durch das spritzende Wasser an Land.
Die kleine Seejungfrau hatte Glück gehabt: Auch heute saß die Katze auf dem Felsen, den getigerten Schwanz um ihre Vorderpfoten geschlungen, und blickte ihr ruhig entgegen. Am liebsten wäre sie gleich auf sie zugerannt, aber sie hatte Angst, das Tier könnte einen Schreck bekommen und davonlaufen. Ganz langsam ging sie auf dem weichen Sandboden vorwärts und die Katze sah sie mit ihren großen grünen Augen an. Dann war sie an dem Felsen angelangt. Am liebsten hätte sie gleich ihre Arme um das Tier geschlungen, streckte aber nur eine Hand aus, um endlich, endlich über dieses wunderbare Fell zu streichen. Es war viel weicher und wärmer, als sie erwartet hatte; wärmer als die Strahlen der Sonne auf dem Wasser und weicher als das zarteste Moos am Boden des Meeres. Noch nie hatte die kleine Seejungfrau etwas so Warmes und Weiches gespürt. Sie vergrub ihr Gesicht darin und wäre am liebsten darin versunken; es duftete nach Wind, Salz und Gräsern. Aber auch die Katze schien es zu mögen, wenn sie berührt wurde. Genießerisch streckte sie sich der streichelnden Hand entgegen, versonnen schloss sie die Augen, wenn sie ihr über ihre gestreiften Rücken glitt, verzückt streckte sie sich aus, wenn ihr die Finger den weißen Bauch kraulten. Als ihr die kleine Seejungfrau mit einem Finger sanft über den Hals strich, begann darin etwas leise zu beben und zu surren, bis der ganze warme und weiche Körper der Katze surrte und zitterte. Noch nie hatte die kleine Seejungfrau etwas Schöneres gehört; es hörte sich an, als ob die Katze sehr glücklich sei, und es machte auch sie sehr glücklich.
In der Nacht hatte die kleine Seejungfrau sich gefragt, was sie den ganzen Tag an Land machen würde. Aber nun merkte sie gar nicht mehr, wie die Zeit verging. Zuerst hatte sie die Katze eine fast endlose Zeit lang gestreichelt. Dann war das Tier aufgestanden und hatte sich gestreckt; die kleine Seejungfrau erschrak und dachte, sie würde jetzt weglaufen, aber sie stieg nur gemächlich vom Felsen herunter und blickte sich um, als wollte sie sagen: Komm, spiel mit mir. Zwischen kleinen Steinen, Muscheln und Tangfetzen entdeckte die kleine Seejungfrau ein abgerissenes Tau, machte geschickt einen Knoten hinein und warf es der Katze zu. Diese duckte sich erst, dann sprang sie und packte das Tau. Schnell zog es die kleine Seejungfrau wieder weg und die Katze rannte ihm nach. Es sah fast so aus, als ob ihre großen grünen Augen vor Begeisterung blitzten.
So spielten und tobten die beiden den ganzen Tag am Strand. Immer wieder jubelte die kleine Seejungfrau vor Entzücken, wenn die Katze auf der Jagd nach dem Tau in der Luft einen Purzelbaum machte oder wenn sie den Knoten ins Maul nahm und mit zufriedenem Blick der Spielkameradin vor die Füße legte. Als die beiden müde wurden, legte sich die kleine Seejungfrau im Schatten des Felsens direkt in den weichen Sand. Es dauerte nicht lange, und die Katze kam langsam heran, tastete erst mit einer der weißen Vorderpfoten vor, kletterte dann auf den Bauch der Kameradin und rollte sich dort zusammen. Wie das warme und weiche Tier mit halb geschlossenen Augen so auf ihr lag und schnurrend Zufriedenheit verbreitete, wünschte die kleine Seejungfrau sich nur eins: dass es niemals Abend werden würde.
Aber es wurde Abend. Ehe die beiden sich versahen, stand die Sonne dicht über dem Meer und begann schon, ins Wasser einzutauchen. Die kleine Seejungfrau erschrak. Nun würde sie von der Katze Abschied nehmen und ein ganzes Jahr darauf warten müssen, bis sie das schöne Tier wieder in die Arme nehmen konnte. Noch nie hatte sie etwas so Trauriges erlebt. Der Wassermann hatte recht gehabt: Ohne die Katze würde sie drunten in der kühlen und dunklen Tiefe des Meeres nie mehr froh sein. Als die Sonne halb eingetaucht war und das Meer in allen Rotttönen aufleuchtete, rauschte das Wasser und sie hörte die Stimme des Wassermanns aus den Wellen mahnen: „Wenn die Sonne ins Meer sinkt, musst du zurück ins Wasser. Sonst wirst du ein Mensch und kannst dich nicht einmal mehr erinnern.“
Es war einfach nicht zu ertragen. „Dann werde ich eben ein Mensch“, sagte die kleine Seejungfrau trotzig. „Was stören mich Schule und Hausaufgaben, Lehrer und Eltern, wenn ich nur bei der Katze sein kann.“ Wieder rauschte das Wasser auf, aber die kleine Seejungfrau hatte sich schon mit den Fingern die Ohren zugestopft. Störrisch blieb sie im Sand sitzen und blickte über die Wellen hinweg an den Horizont, wo die Sonne nur noch als schmale, leuchtende Sichel zu sehen war.
Dann war es dunkel. Das Mädchen nahm die Finger aus den Ohren. Ihr war einen Augenblick schwindlig gewesen, und sie hatte geglaubt, aus den Wellen eine Stimme zu hören. Aber nun rauschte das Wasser wieder so ruhig wie immer. Der Sand wurde langsam kühler, und sie begann an den Füßen zu frieren. Vorsichtig schlang sie ihre Arme um die Katze, die zu schnurren aufgehört hatte und auf ihrem Schoß eingeschlafen war, und stand auf. „Komm, Charlotte. Wir gehen nach Hause.“ Mit der Katze im Arm ging sie langsam den Weg zu den Hügeln hinauf und verschwand in Richtung der Häuser.

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