Liebe oder Sucht
(c) Gaby Cadera
Er weckte sie liebevoll.
„Guten Morgen, meine Süße! Ich hoffe, du bist ausgeruht!“
Sein Zeigefinger näherte sich zielsicher, drückte sie an einer ganz bestimmten Stelle. Fast zärtlich.
Seit Tagen sorgte er sich um sie. Das Atmen fiel ihr schwer, ein Rasseln war zu vernehmen. Es machte ihm Angst. Ein Virus war es nicht.
Schon erwachte sie zu neuem Leben.
Zur Begrüßung sang sie ihr Lied, welches er noch immer gerne hörte. Nie wäre ihm eingefallen, ihr das zu untersagen.
Während sie sich regte und wohlig wie ein Kätzchen zu schnurren begann, schlenderte er in die Küche. Aus dem Abwaschbecken fischte er eine große Tasse, spülte sie kurz durch, schenkte Kaffee ein. Dann setzte er sich zu ihr, schlürfte das tief schwarze Getränk. Wärme breitete sich in ihm aus. Sie atmete ruhig, keine anderen Geräusche waren aus ihrem Inneren zu hören. Wie immer stand sein linker Fuß nur auf Ballen und Zehen und ließ sein Bein wippen.
Das Strahlen in ihrem kantigen Gesicht glich einem Sonnenaufgang. Sie schaute ihn unternehmungslustig an.
Er lächelte.
„Ich hätte ja Lust … auf ein paar Bilder …“
Erwartungsvoll strahlte sie ihm entgegen.
„Das dürfte nicht zu anstrengend für dich sein. Was meinst du?“
Sie atmete einmal tief durch und er verstand es als Zustimmung.
In der Galerie bestaunte er dralle Frauenkörper, drapiert auf rotem Samt zwischen Kissen und Federboas.
Aber es strapazierte sie stärker, als er dachte.
„Nun zier dich nicht so. Oder bist du etwa eifersüchtig?“
Doch je mehr Bilder sie sich ansahen, desto mehr schnaufte sie und das bedrohliche Rasseln drang wieder an sein Ohr. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, sein Mund wurde trocken und es bildete sich ein Kloß in seinem Hals.
„Du kannst mich jetzt nicht hängen lassen!“, wimmerte er. Er war nervös, versuchte jedoch beruhigend auf sie einzuwirken. „Ich glaube, meine Süße, eine Pause ist angesagt. In der Zwischenzeit besorge ich etwas zu Essen.“
Kurz darauf kehrte er mit Pizza und Salat zurück.
Ihr Atem ging gleichmäßig und so nahm er beruhigt das erste vorgeschnittene Stück, biss hinein.
„Tino hat sich heute wieder selbst übertroffen“, sagte er kauend.
Nachdem er sich die Finger abgeleckt hatte, legte er die leere Packung auf den überquellenden Papierkorb, den Salat schob er beiseite.
„War wohl ein wenig viel. Aber der kann später noch gegessen werden.“
Sie japste und rang nach Luft, sein Bein zappelte. Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn und er massierte die Schläfen, konzentrierte sich.
„Vielleicht hast du etwas eingeatmet? Lass mich mal sehen.“ Sorgsam schaute er in ihr Inneres. „Tatsächlich, da hat sich etwas festgesetzt. Das haben wir gleich.“ Mit einer Pinzette entfernte er vorsichtig den Fremdkörper, pustete ihn vom Finger.
„Und ich dachte schon, du wirst alt.“ Zärtlich strich er über ihre Erhebungen.
„Dann lass uns jetzt einkaufen gehen! Ich brauche einen neuen Pulli, dieser ist ziemlich zerschlissen. Vielleicht finden wir für dich auch etwas, womit du dich besser fühlst.“
Er öffnete das Portal und die bunte Welt der Verlockungen strömte ihm entgegen. Erst schaute er in aller Ruhe, aber dann verfiel er in seinen Trott, wurde immer hektischer, bis er zufällig genau den gleichen Pullover entdeckte, den er trug. Die letzten Sekunden ließen seinen Adrenalinpegel steigen, nervös beobachtete er das Treiben. Schließlich jubelte er.
„Meiner!“ Mit einem Lächeln auf den Lippen ging er die paar Schritte bis zur Kasse und bezahlte.
Sie atmete wieder schwer.
„Entschuldige, meine Süße, ich hätte auf dich ein wenig Rücksichte nehmen sollen.“
Sie gab einen kurzen Ton von sich.
„Oh, gut, dass du mich daran erinnerst! Die kleine Lisa hat bald Geburtstag.“ Gezielt bewegte er sich weiter und zeigte auf ein rosa Bettwäscheset von Diddl.
„Wie gefällt dir dieses hier? Ich glaube, davon hat sie mal gesprochen.“ Sofort war das Geschenk gekauft.
„Und jetzt wollen wir mal sehen, was wir für dich finden! Ein bisschen mehr Power könnte dir nicht schaden.“ Er kratzte sein unrasiertes Kinn und schaute sich unsicher um, fragte nach, musste warten, bis er Antwort erhielt. Aber das tat er geduldig, denn etwas Falsches würde fatale Folgen nach sich ziehen.
Zwei Tage später widmete er sich ausgiebig seiner Liebsten. Sie blätterten durch das Album, schauten gemeinsam den Schriftverkehr durch, sortierten und legten alles an einem sicheren Ort ab. Er massierte seine Hände.
„Dann lass mal sehen.“ Wenn auch flink, so ging er dennoch behutsam vor.
Sie gab keinen Laut von sich, hielt ganz still.
„Ja, das passt – und jetzt die Vitaminspritze … Du wirst sehen, wie leicht dir alles fallen wird!“ Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu, streichelte sie.
Sie regte sich und begann wieder zu schnurren. Doch je mehr Zeit er für ihr neues Outfit aufbrachte, desto mehr ächzte sie. Schließlich schnaufte sie stärker als je zuvor. Er konnte es sich nicht erklären, woher ihre Atemnot kam und ließ sein Bein unbewusst stärker zappeln. „Was hast du? Was ist mit dir los? Wenn ich es doch nur wüsste …“ Er raufte sich die Haare, zupfte nervös an seinen Bartstoppeln. „Warum kannst du es mir nicht sagen? Machst doch sonst bei allem eine Meldung.“ Schließlich atmete er tief durch, versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren.
„Okay, fangen wir von vorne an“, sagte er ruhig.
Kurzzeitig setzte ihre Atmung aus, dann sang sie zur Begrüßung wieder ihr Lied, wurde blass, gab ein bedrohlich rasselndes Geräusch von sich und ihre Lebenskraft erlosch.
Regungslos starrte er sie an.
„Du bist jetzt nicht tot, oder?“ Wieder drückte er sie an dieser ganz bestimmten Stelle. Nichts tat sich.
„Das kannst du mir nicht antun!“ Verzweiflung lag in seiner Stimme. Hitze stieg in ihm auf, seine Ohren begannen zu glühen, unter den Achseln juckte es, als wenn sich dort eine Armee Ameisen angesiedelt hätte. Er stand auf und lief wie ein eingesperrtes Raubtier im Wohnzimmer auf und ab.
„Nein, nein, nein!“, schrie er. Blieb an der Wand stehen, schlug mit den Fäusten dagegen, dann mit dem Kopf und sank schließlich erschöpft zu Boden, schluchzte.
Wie lange er so zusammengesunken dagesessen hatte, wusste er nicht, wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Er musste sich Rat holen. Entschlossen erhob er sich, griff zum Telefon. „Ich werde einen Fachmann fragen. Wirst schon sehen, wir kriegen dich wieder hin.“ Er lauschte in den Hörer, doch mit jeder weiteren Sekunde starb seine Hoffnung, bis die endgültige Wahrheit ausgesprochen an sein Ohr drang.
Mit zittriger Hand legte er auf.
„Sie ist tot!“, flüsterte er.
Hastig verließ er das Haus, rannte durch die Innenstadt. Auch wenn er nicht viel wahrnahm, führte ihn sein Weg in eine ganz bestimmte Richtung.
„Mit ihr ist alles so einfach gewesen!“, hämmerte es wieder und wieder in seinem Kopf.
Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Langsam drehte er sich um, ging einen Schritt zurück. Sein Blick heftete sich fest, er war wie hypnotisiert. Von ihrer silber-grauen Erscheinung fühlte er sich magisch angezogen. Dicht an die Scheibe gedrückt betrachtete er sie.
„Du bist ja ein hübsches Ding …“, kam es flüsternd über seine Lippen. Er verspürte ein Kribbeln in den Fingern, musste sie berühren, streicheln, an einer bestimmten Stelle, zärtlich. Sie würde sicher genauso wunderbar singen, wenn er sie weckte. Er drängte sich an Menschen vorbei, bis er schließlich atemlos vor ihr stand. Sein Herz raste, das Blut pulsierte rauschend in den Ohren. Ihre Schönheit überwältigte ihn.
„Lass dich mal genauer ansehen.“ Zaghaft drehte er sie, strich über ihre Erhebungen. Er schloss die Augen, sog ihren Geruch in sich auf.
„Kommst du mit mir?“ Er wusste nicht, ob er sich das einbildete, aber er meinte, ein zaghaftes Zwinkern erkannt zu haben.
„Du hast ‚Ja’ gesagt?!“
Triumphierend erledigte er die Formalitäten und eilte nach Hause.
Sie übertraf seine Erwartungen. Zur Begrüßung sang sie ihr Lied mit kristallklarer Stimme. Dann schenkte er ihr noch ein paar Kleinigkeiten – jetzt war sie perfekt.
Gemeinsam schlenderten sie durch das Portal, überglücklich. In aller Ruhe besuchte er mit ihr die Galerie, hatte er doch nicht alle Bilder anschauen können.
Schließlich lehnte er sich erleichtert in seinem Stuhl zurück, verschränkte zufrieden die Arme.
„Du bist ganz schön auf Zack!“
Sie deutete auf die Uhrzeit in der Ecke unten rechts.
„Hast Recht, es ist wirklich sehr spät geworden. Wir sollten Feierabend machen.“ Mit ein paar Klicks verabschiedete er sich für heute von ihr.
„Bis morgen, meine Süße!“
Eine Melodie ertönte, dann las er:
Windows wird heruntergefahren.
Er klappte den Laptop zu und ging nach diesem aufregenden Tag endlich zu Bett.
