leseprobe

Katzenherbst
(c) Elke Schleich

Felix war alt und in vielen Dingen etwas nachlässig. Sein Gang war zwar nach wie vor geschmeidig und er widmete immer noch mehrere Stunden täglich der Fellpflege, doch gab es mancherlei Pflichten, die er nicht mehr so ernst nahm wie in jungen Jahren. Früher hatte er es mit jedem aufgenommen, der ihm in seinem Revier in die Quere kam. Aber jetzt…
Wenn er vor dem Haus auf seinem Lieblingsplatz in der Sonne ruhte und die Wärme durch das graubraune Fell bis auf seine Haut drang, tat er des Öfteren so, als bemerke er den athletischen Roten nicht, der sich aufreizend langsam längs der Buchsbaumhecke durch den Garten bewegte.
Auch an diesem Herbsttag blinzelte Felix nur kurz, als er den Eindringling wahrnahm. Er blieb einfach liegen. Aber die zuckende Schwanzspitze und die vibrierenden Schnurrhaare verrieten, wie es in ihm aussah. Mit jedem Tag wurde der Rote dreister. Erst war er nur schnell, fast wie aus Versehen, durch Felix’ Reich gehuscht.
Als er nun endlich durch die Lücke kurz vor der Pforte den Garten verlassen hatte, richtete sich Felix auf. Er sah eine Weile hinter dem Roten her. Dann machte er einen Buckel, wie stets nach der Mittagsruhe, streckte sich und schritt bedächtig die Terrassenstufen hinab. Er kontrollierte das Mauseloch unter der letzten Stufe, fand es leer vor und ging weiter zum Blumenbeet. Hier schnupperte er an den gelb und orange blühenden Astern, rieb seinen Kopf an der holzgeschnitzten Katzenfigur und setzte seinen Weg bis zur Hecke fort. Der Geruch des Roten stach ihm in die Nase. Angewidert zog Felix eine Lefze hoch, bevor er seine Duftmarke absetzte.
Schließlich schlüpfte auch er durch die Heckenlücke, blieb stehen und schaute sich um: Nichts Besonderes. Stille und Frieden in der kleinen Straße. Er überquerte sie und hielt geradewegs auf das gegenüberliegende Grundstück zu, denn es wurde Zeit für Karo.
Kaum hatte Felix den Jägerzaun erreicht, begann das Spektakel. Eine laute Hundestimme durchbrach aufheulend die Ruhe. Ein, zwei Sekunden danach war Karo da. In langen Sätzen sprang er wie von Sinnen jenseits des Zauns einher, bellte Felix an, knurrte, fletschte die Zähne.
Und Felix? Er tat wie immer so, als interessiere ihn der Schäferhund und das Theater, das er aufführte, nicht im Geringsten. Er legte die Ohren ein wenig schräg zurück. Obwohl er keinen Lärm mochte, wollte er nicht auf das tägliche Ritual verzichten. Karo konnte ihm nichts anhaben, er wusste es und flanierte am Zaun entlang wie ein Spaziergänger auf der Promenade.
Hunde! Völlig verdrehte, immerzu falsch reagierende Wesen. Harmlos, waren sie eingesperrt wie dieser – gefährlich, wenn man sie unterschätzte.
Die Narbe an Felix’ rechtem Ohr zeugte von einer länger zurückliegenden, ernsten Begegnung mit einem von Karos Art. Aber da war noch etwas anderes. Etwas, das tief in seinem Innern gespeichert war, an das er aber keine klare Erinnerung mehr hatte und das ihn hierher trieb zu diesem Verrückten auf der anderen Seite.
Die belfernde Schnauze blieb neben ihm, nur die Holzstreben dazwischen, und gleich, am Tor, würde die Vorstellung beendet sein. Die Eisenpforte war undurchsichtig. Zuweilen erschien Karos Nase in dem Spalt zwischen Boden und Tor, und Felix streckte dann den Kopf bis auf wenige Zentimeter an sie heran. Nie dauerte dies länger als einige Augenblicke.
Nur noch ein Meter bis zum Tor. Ein letztes grollendes Bellen.
Und dann geschah, womit keiner der beiden je gerechnet hätte: Das Tor war offen.
Sie standen sich, durch nichts getrennt, gegenüber.
Felix erstarrte.
Zur Flucht war es zu spät. Über sich sah er Karos riesige Schnauze mit den spitzen Zähnen darin, und die Narbe in seinem rechten Ohr wurde ihm nur allzu bewusst. Er sah aber auch eine rosa schimmernde Zunge und dunkelbraune Augen, die mit einem Ausdruck zwischen Schreck und Freude auf ihn herabschauten, und ein weit, weit entferntes Erinnerungsbild blitzte in ihm auf.
Ehe sich Karo oder Felix schlüssig werden konnten, was sie nun tun sollten, ertönte ein Pfiff.
Aber Karo folgte dem Ruf seines Herrn nicht sogleich. Er drückte die Vorderpfoten flach auf den Boden. Sein Kopf und der des Katers waren für einen Moment auf gleicher Höhe. Ein kurzes „Wuff“ und schon warf sich Karo herum und stob über den Rasen davon, dass das rotbraune Laub nur so in die Luft flog.
Felix sah, wie Hund und Herr im Haus verschwanden, und vermochte sich ein paar Sekunden lang nicht zu rühren. Doch dann setzte er seinen Reviergang fort wie gewohnt. Ohne Eile betrat er den Garten der alten Frau, schlappte bei ihr sein Schälchen Milch und putzte sich anschließend den Bart. Mit rundgewölbtem Rücken verabschiedete er sich an ihren Beinen und ging heim.
Er kam durch die Katzenklappe am Haupteingang ins Haus und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Als er vom Wohnzimmer auf die Terrasse spähte, sah er es: Sein Mensch und der Rote! Dicht beieinander! Soeben stellte sie einen Teller auf den Boden. Seine Leibspeise „Huhn in Aspik“ – er roch es genau – für diesen Eindringling!
Felix’ Nackenhaare sträubten sich.
Der Rote warf ihm einen Blick zu und begann zu fressen.
„Schau, Felix, so ein lieber Kerl! Komm, du kriegst auch dein Leckerchen!“
Ihre helle Stimme konnte ihn nicht besänftigen. Er sauste an den beiden vorbei und versetzte dem Roten dabei einen gezielten Tatzenhieb. Felix hörte noch ihren überraschten Ausruf, und schon war er wieder auf der Straße.
Seine linke Hüfte, in der es, seit es kälter geworden war, oft ziepte, schmerzte nach dem Spurt. Unschlüssig saß er da. Er brauchte jetzt sein zweites Schläfchen, was hatte er hier zu suchen?
Doch in seinem Reich war unerwünschter Besuch.
Felix wechselte die Straßenseite. Am Jägerzaun verharrte er und äugte hindurch. Karo lag neben der Hundehütte in seinem großen Korb. Er bemerkte Felix nicht, schließlich war es nicht die übliche Zeit für sein Erscheinen.
Da tat Felix etwas, was er noch nie getan hatte. Er stieg langsam durch eine der untersten Holzrauten, tat zwei Schritte auf den Rasen und schickte ein leises, fragendes „Mau?“ zu dem Hund hinüber.
Karo hob den Kopf.
Ihre Blicke trafen sich.
Felix leckte über seine weiße Brust, die tadellos sauber war.
Karo stand auf.
Felix sah, wie sich der Schwanz des Hundes hin und her bewegte. Höchstes Alarmzeichen unter Katzen! Aber in ihm tauchte gleichzeitig ein Bild auf: Vor Ewigkeiten, als Katzenkind, war er mit so einem schwanzwedelnden Wesen wie diesem dort sehr vertraut gewesen. Etwas trieb ihn dazu, auf Karo zuzugehen. Nicht direkt, sondern auf dem Umweg am Zaun entlang.
Karo bellte nicht, seine Rute wedelte weiter.
Zum zweiten Mal an diesem Tag standen sie voreinander.
Felix stellte den Schwanz steil, spazierte an Karo vorbei und untersuchte dessen Lager. Von seinem Körper erwärmt, erschien es ihm behaglich genug. Er kauerte sich abwartend darin zusammen.
Es dauerte nicht lange, bis er Karos Fell an seinem fühlte, und er streckte entspannt die Pfoten aus.

Ja, Felix war alt und in vielen Dingen etwas nachlässig. Er hatte an diesem Tag im Herbst eine Niederlage erlitten. Doch verlor sie mit jedem Zentimeter, den er und Karo näher zusammenrückten, an Bedeutung.

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