Kamaras Ritt
(c) Chris Lind
Einer für alle, alle für einen!“ George prostete Steve und Bill zu. Nach zwei Tagen unter der senkenden Sonne Gorions hatte sein Gesicht einen ungesunden Rotstich angenommen.
„Auf uns!“ Bill grinste, in seinen Augen wütete das Fieber. Keinen Tag länger konnte er sich gedulden.
Zögernd erhob Steve sein Glas. Sollte er seine Zweifel äußern oder einfach seinen Freunden folgen und nicht nach den Konsequenzen fragen?
***
Noch blieben zwei Stunden bis zur Dunkelheit. Kamara ging zum Stall, um O’Rann zu satteln. Der Remorg grunzte ihr fröhlich entgegen. O’Rann konnte kaum erwarten, in die Sonne zu kommen. Kamaras Vater hatte die Remorg-Herde schon vor Tagen nach Hause geholt. Ihre Waldstallungen schienen nicht mehr sicher. Immer wieder verschwanden Tiere. Unauffindbar oder die Leichen entsetzlich verstümmelt. Auch andere Horden berichteten von verschwundenen Remorgs und, schlimmer noch, von getöteten Nakane. Kamaras Horde konnte sich das Aufkommen der Gewalt nicht erklären.
Die Nervosität unter Kamaras Horde wuchs mit jedem neuen Zeichen. In den Nächten regneten Sterne vom Himmel. Selbst am helllichten Tag stürzten Sterne hinab. Furcht zog in die Dörfer ein. Die Nakane holten die Remorgs in die Stallungen, lange vor der Ruhezeit. Die Tiere brauchten fast noch einen Mond, bis ihre Winterphase begann. Seit sie die Herde einholten, hatte ihr Vater Kamara und ihre Brüder von allen anderen Pflichten freigestellt. Die Kinder sollten nur dafür sorgen, dass die Remorgs nicht vorzeitig einschliefen. Kamara liebte die Arbeit mit den Reittieren. Sie hasste Arbeiten im Haus, all die Frauendinge. „An dir ist ein Junge verloren gegangen“, seufzte ihre Mutter, wenn das Mädchen wieder einmal in den Wald ritt.
„Komm, O’Rann, auf in den Elfenwald. Elfen, wer glaubt denn schon an Elfen?“ Kamara schüttelte den Kopf, während sie den Sattel auf einen Höcker des Reittieres schnallte. Ihre Großmutter hatte den Kindern alte Geschichten erzählt, von Elfen und Zwergen, von Gestaltwechslern und dunklen Nachtgestalten.
„Lass das Altweibergeschwätz. Du machst mir die Kinder verrückt.“ Kamaras Vater, ein ruhiger, fröhlicher Mann, brachte seine Schwiegermutter harsch zum Schweigen.
„Du willst die Wahrheit nicht sehen. Die alten Geschichten künden vom Kommen einer dunklen Zeit“, hatte die alte Frau geantwortet.
„Sag ihr, sie soll schweigen, oder ich verbiete ihr das Haus“, herrschte Kamaras Vater seine Frau an. So hatten die Kinder ihn noch nie erlebt.
Nana erzählte ihren Enkeln nur noch heimlich von Heldentaten längst vergangener Zeiten. Wie sehr wünschte sich Kamara eine große Queste in ihrem Leben. Sie erhoffte ein Abenteuer, das sie aus ihrem Alltag herausriss.
Kamaras Abenteuer finden Sie in der Anthologie Fremde Welten der Edition Leserunde
