Die Eroberung
(c) Armena Kühne
Es war einer jener Augenblicke im Leben, welche die Schwelle von Normalität zum Gefühlschaos bilden. Nur ein kurzer Blickkontakt. Sekunden, wenn Augen sich festsaugen und der Puls verrückt spielt.
Der Körper so schön wie Michelangelos David. Braun, muskulös, Wuschelkopf, dunkle Augen und ein knackiger Po. Salzwasser perlte von dunkler Haut. Lässig schlenderte er an unserem Liegeplatz vorbei und verschwand in Richtung Bar. Meine Freundin Petra und ich sahen ihm nach.
„Wow!“ Uns blieb die Spucke weg.
Seit drei Tagen lagen wir nun schon am Strand von Bonifacio. An Männlichkeit bot sich bisher nur wenig. Entweder flanierten Pärchen oder Bierbäuche, deren Ausmaße beängstigende Formen hatten.
Und nun ein solches Exemplar.
„Nichts wie hinterher. Nur ich!“ Petra wollte mitkommen.
„Wenn du nicht landen kannst, dann gehört er mir.“
Sie war beleidigt. Ich lachte, öffnete den Haarknoten, ließ die Haare auf meine Schulter fallen.
„Wie sehe ich aus?“
„Zieh deinen Bauch ein und ab mit dir, so ein Typ ist nicht lange alleine“, witzelte sie.
In der Strandbar stellte ich mich neben meinen Adonis und bestellte mir einen Milchshake mit Erdbeergeschmack. Sein Blick ging kurz in meine Richtung. Ich prostete ihm zu.
„Hallo.“
Es ärgerte mich, dass mir nichts Originelleres einfiel. Adonis nickte und wandte sich wieder ab. Missmutig nuckelte ich an meinem Strohhalm, überlegte, wie man ein Gespräch beginnen könnte, verschluckte mich und bekam einen Hustenanfall. Der Schlag auf meinen Rücken nahm mir die Luft.
„Willst du mich umbringen?“, japste ich.
Ein kurzes Taxieren dunkler Augen.
„Das wäre doch schade.“
„Sicher. Mein Urlaub hat doch gerade erst begonnen.“
„Bist du alleine?“
„Jetzt nicht mehr, oder?“
„Oha! Gehst du immer gleich aufs Ganze?“
„Stört es dich?“ Die Verlegenheit stand ihm gut.
„Ist ein wenig ungewohnt.“
„Heute darf die Frau auch.“
Er lachte. „Du bist mir eine.“
„Komm, lass uns einen Strandspaziergang machen“, sagte ich.
Barfuß schlenderten wir über den Sand. Kühlten die Fußsohlen in der Brandung. Ab und zu sah ich zurück – das Meer löschte unsere Spuren sehr schnell. Der kleine Pinienwald oberhalb der Felsen versprach ungestörtes Alleinsein. Zielstrebig hielt ich darauf zu.
Ein Platz im Schatten der Bäume mit Blick auf kobaltblaues Meer. Der Mann neben mir: einem Modeheft entsprungen. Ein wenig schüchtern, zum Anbeißen süß. Gerade das törnte mich an.
Ich schlang die Arme um seinen Hals, legte meine ganze Erfahrung und Zärtlichkeit in diesen Kuss und spürte, wie seine Erregung sich körperlich auswirkte. Er schob mich sanft weg, sah sich suchend um.
„Wenn jemand kommt.“
„Niemand kommt“, murmelte ich und meine Hände schoben sich unter sein Shirt. Die Haut glatt, weich, warm.
„Du willst wirklich…?“
„Du nicht?“
„Doch. Aber lieber im Hotel.“
Ich musste lachen, so ein Hasenfuß, wusste er nicht, wie prickelnd es mit Freien war? Wie erregend es sein konnte mit der Gefahr, entdeckt zu werden?
Ich streichelte ihn zwischen den Schenkeln. Er stöhnte leise. Na endlich! Mein Selbstbewusstsein hätte doch beinahe einen Knacks erhalten. Jetzt seine Hose. Auch das noch! Der Reißverschluss klemmte. Hier half nur rohe Gewalt. Ein Aufschrei, ich hatte ihn eingeklemmt.
Er hüpfte, die Hand an sein wertvolles Stück haltend, jammernd auf und ab. Als mein Adonis etwas Blut sah, fiel er um wie ein nasser Sack. Eine schöne Bescherung. Ich untersuchte den Schaden.
Eine kleine Hautabschürfung.
Adonis öffnete die Augen.
„Bist du immer so brutal?“ Er sah sich die Blessur an.
„Hast du immer Hosen an, bei denen der Reißverschluss klemmt?“ Wir lachten. Ich streifte mein kurzes Strandkleid ab. Legte seine Hände an meinen Busen.
„Tut es noch weh?“ Kopfschütteln.
„Meinst du, du kannst noch?“
„Was?“ Der Blick ließ Schmetterlinge im Bauch tanzen.
„Das“, sagte ich und erregte ihn mit meinen Händen.
Er konnte noch – und wie er es noch konnte.
